Unsere Ziele 

Wir wollen

  • buddhistisch Praktizierende, die der queeren Community angehören, zusammenbringen, um miteinander zu praktizieren und in persönlichen Austausch zu kommen
  • richtungsübergreifend zusammen praktizieren und voneinander lernen und sehen die Vielfalt der Buddhismen von "traditionell" bis "säkular" als eine Stärke an
  • Meditationsgruppen und Retreats für die queere Community in Deutschland für Interessierte besser auffindbar machen
  • Hilfestellungen für Retreatzentren und Lehrende geben zum Umgang mit Menschen, die nicht der Hetero- oder Gendernorm entsprechen
  • als Arbeitsgruppe ein Ansprechpartner für diese Fragen innerhalb der Deutschen Buddhistischen Union sein
  • neue Begegnungsräume schaffen, in denen wir unsere jeweilige Praxis vertiefen können, und wo Akzeptanz, Heilung, Inklusivität auf Basis von Mitgefühl und Selbstmitgefühl besser möglich wird
  • zusammen praktizieren und spirituelle Freundschaften pflegen
  • Veranstaltungen mit Wissenschaftler*innen zum Thema Buddhismus, Sexualität und Gender organisieren
  • mit anderen Organisationen im Rahmen des Regenbogen-Netzwerks der Europäischen Buddhistischen Union zusammenarbeiten

Antwort auf häufige Fragen (FAQ)

Wir haben uns hier mit freundlicher Genehmigung an die FAQ des Rainbow  Sangha der EBU angelehnt. Mit einem Klick auf das + Symbol erscheint der Detailtext.

Was bedeuten „queer und LSBTQIA+?

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Es ist sehr kennzeichnend, dass es in unserer Sprache kaum Begriffe für Menschen mit sexueller und geschlechtlicher Identität gibt, die nicht gesellschaftlichen Normvorstellungen entspricht. Im Kaiserreich der der Weimarer Republik verwendeten Karl Heinrich Ulrichs und später Magnus Hirschfeld Worte wie „Urning“, „Urninde“ oder „das dritte Geschlecht“, um schwule Männer zu benennen. Das Wort „Homosexualität“ entstand ungefähr zur selben Zeit im angelsächsischen Raum und wurde in viele Sprachen importiert. Es schließt aber andere Gruppen wie Lesben, Bisexuelle und Transgender aber auch Intersexuelle und Asexuelle aus. Wir verwenden für die Gesamtheit dieser in sich diversen Gruppe deswegen das Wort LSBTIAQ+ als Akronym für die genannten Gruppen und drücken mit dem Buchstaben + aus, dass es noch viele weitere gibt. Der längste und am ehesten vollständige Begriff ist im Englischen LGBPTTQQIIAAP, der u.a. Pansexuelle, Asexuelle, Intersexuelle einschließt ebenso wie Menschen, die sich nicht einordnen wollen, u.a. weil sie ihre bisherige Orientierung hinterfragen. Wir halten ihn aber für unpraktisch, da er kaum aussprechbar ist.


Im angelsächsischen Raum hat sich auch der Begriff „queer“ durchgesetzt. Es gibt keine eindeutige Definition von queer, aber in weitesten Sinn bezieht es sich auf Menschen, deren sexuelle und geschlechtliche Identität nicht in die akzeptierten sozialen Modelle ihrer Zeit und Kultur passen. Das ist zumindest unsere Definition. Wir sind uns aber bewusst, dass manche es in einem restriktiveren Sinn benutzen, der sich z.B. nur auf Sexualität bezieht.

Der Grund, dass die Sprache keine Wörter besitzt, ist kulturell bedingt. Unsere Kultur ist stark von der jüdisch-christlichen Weltsicht geprägt, dass es nur zwei Geschlechter gibt (Mann und Frau) und nur eine sexuelle Orientierung (hetero- bzw. heterosexuell). Dies wurde und wird teilweise immer noch mit dem Schöpfungsmythos begründet, während andere Kulturen z.B. bisexuelle Liebe und allgemein queeren Menschen einen gesellschaftlichen Platz einräumten. 

Wissenschaftliche Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die angesprochene binäre Sichtweise falsch ist (historisch, anthropologisch und biologisch). Sexualität ist viel diverser als das, was westliche/christliche Gesellschaften für akzeptabel erachtet.


Im Deutschen fehlen uns die Begriffe, um zwischen sozialen und biologischen Aspekten der Geschlechtlichkeit zu unterscheiden. Aus dem angelsächsischen Raum stammt der Begriff „Gender“. Es ist ein sehr junger Begriff, der zuerst von John Money 1955 benutzt wurde. Money stellte fest, dass es eine Differenz gibt zwischen Geschlecht („sex“ - als biologische Charakteristik) und Gender (als soziales Konstrukt) gibt. Die sozialen Normen und Erwartungen bezüglich Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheiden sich sehr für verschiedene Kulturen und änderten sich mit den Zeiten. Der Begriff „Trans(gender)“ ist ein Überbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität sich von dem Geschlecht unterscheidet, das zur Geburt festgelegt wurde. 

Erklärung weiterer Begriffe

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Bisexuell: In seiner weltberühmten Untersuchung zeigte der amerikanische Sexologe Alfred Kinsey, dass die jüdisch-christliche Weltsicht bzgl. sexueller Orientierung falsch ist (veröffentlicht 1948 & 1953). Kinsey stellte fest, dass die meisten Menschen zu einem gewissen Grad sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlten. Er entwickelte seine berühmte Skala, die die verschiedenen Grade der Bisexualität misst.

Intersexuell: An der jüdisch-christlichen Weltsicht war mehr falsch als der beschränkte Blick auf sexuelle Orientierung. Die strikte binäre biologische Einteilung bzgl. männlich/weiblich basierend auf dem Buch Genesis ist eine Fiktion. Intersexualität verweist auf Menschen, die nicht in dieses binäre Raster passen, die Unterschiede besitzen in der Anatomie, Hormonen und/oder Chromosomen. Diese wurden und werden oft bei der Geburt einem Geschlecht zugewiesen, manchmal sogar durch chirurgische Maßnahmen. Untersuchungen zeigen auch, dass intersexuelle Neugeborene überdurchschnittlich oft verstarben. Dies ist eine düstere Geschichte der Medizin, die derzeit erforscht wird.  Das Bundesjustizministerium hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, wonach geschlechtsangleichende OPs bei Kindern künftig verboten sein sollen – außer, die OP verhindert eine Gesundheits- oder sogar Lebensgefahr beim Kind. 


Cis(gender):  Ein Begriff für Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das zur Geburt festgelegt wurde (aus dem Latein „auf derselben Seite“).

Questioning: Der Begriff stammt (aus dem Englischen für "fragend") und wird häufig von Menschen verwendet, die ihre sexuelle / romantische Orientierung und / oder ihr Geschlecht hinterfragen, weil sie sich nicht damit nicht wohlfühlen oder ein "Label" ablehnen.

Asexuell:  Asexuelle Menschen verspüren kein oder wenig Verlangen nach sexueller Interaktion und empfinden andere Menschen nicht oder nur bedingt als sexuell anziehend.

Aromantisch: Aromantische Menschen empfinden wenig bis keine romantischen Gefühle für andere Menschen und haben auch kein Bedürfnis nach romantischer Interaktion. Freundschaften und Sexualität können aber eine wichtige Rolle im Leben aromantischer Menschen spielen.


Pride:  Vor 50 Jahren fingen in Menschen in New York an, nicht mehr zu akzeptieren, dass sie unterdrückt und gesellschaftlich unsichtbar waren. Die Stonewall-Auseinandersetzungen im Juni 1969 waren ein Aufschrei gegen systematisches Tyrannisieren durch die New Yorker Polizei und die Diskriminierung durch weite Teile der Gesellschaft. Nach einer Dekade von Protesten kulminierten diese Proteste in den USA. Jedes Jahr erinnern Pride-Paraden daran. Auf diesen Paraden werden gleiche Rechte für queere Menschen gefordert und Diversität als etwas Positives gefeiert. Der Begriff „Pride“ (Stolz) darf nicht als ein Zeichen von Überheblichkeit verstanden werden. Er steht vielmehr für die Selbstakzeptanz einer Minderheit im Gegensatz zu etwas, für das man sich nach Ansicht der Mehrheitsgesellschaft schämen sollte.

Pansexualität: Für pansexuelle Menschen spielen Geschlecht und Geschlechtsidentität bei sexueller und emotionaler Anziehung keine Rolle.

Wofür steht der Regenbogen?

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Der Regenbogen wurde zuerst als Symbol für die LSBT+ Gemeinschaft in den USA in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts benutzt, als der berühmte schwule Politiker Harvey Milk (1930-1978) den Designer und Drag Queen Gilbert Baker (1951-2017) traf

Am 8. November 1977 wurde Harvey Milk der erste offen schwule US Politiker, der ein politisches Amt bekleidete. Er wurde am 27. November 1978 ermordet. Milk war klar, wie wichtig es für die queere Gemeinschaft ist, ein positives Zeichen gegen Diskriminierung und Vorurteile zu setzen. Um dies zu erreichen, bat er Baker, ein neues Symbol zu kreieren, das den Rosa Winkel ersetzen soll. Dies war ein Markierungszeichen, das schwule Männer in Konzentrationslager der Nationalsozialisten tragen mussten. Baker ersetzte das Symbol der Unterdrückung durch die Regenbogenflagge: „Flaggen“, so meinte er, „sind ein Ausdruck von Stärke. Wir brauchen etwas Wunderschönes, etwas, das etwas über uns aussagt.“ 

Die ersten Flaggen waren handgemacht und von Baker zusammen mit 30 weiteren Helfern genäht. Sie wurden am United Nations Plaza auf der San Francisco Gay Freedom Day Parade am 25 Juni 1978 öffentlich gezeigt. Baker erinnert sich so: „Es geht alles zurück zurück auf den ersten Moment, wo die erste Flagge 1978 gehisst wurde. Sie hoch zu halten, sie im Wind wehen zu sehen, so dass jeder sie sehen kann. Ich war erstaunt, dass Menschen diese Botschaft sofort verstanden, wie in einem Moment des Blitzschlags. Die Fahne gehörte uns allen. Es war einer der bewegendsten Moment meines Lebens. Weil ich wusste, es war das Wichtigste, was ich jemals tun würde – dass mein ganzes Leben sich um die Regenbogen Flagge drehen würde.“ (siehe  https://www.sftravel.com/article/brief-history-rainbow-flag)

Regenbögen sind sowohl natürlich als auch schön und symbolisieren die Einheit in Verschiedenheit. Die ursprüngliche Fahne hatte acht Farben: Rosa (für Sexualität), gefolgt von Rot (für Leben), Orange (für Heilung), Gelb (für Sonne und das Strahlen), Grün (für Natur), Türkis (für Kunst und Kreativität), Indigo (für Harmonie) und violett (für Geist und Spiritualität).


Das Symbol war so mächtig, dass schon im ersten Jahr (vor der Massenproduktion der Rainbow Fahne) queere Menschen anfingen, jede Fahne mit diesen Streifen auszustatten, auch buddhistische Fahne. Später wurden aus verschiedenen Gründen die Farben vereinfacht (Rosa und Indigo wurden entfernt) und die Farbtöne wurden leicht geändert, um die Flaggenproduktion zu vereinfachen. 

Warum die Initiative Buddhismus unter dem Regenbogen?

Wenn queere Buddhist*innen sich außerhalb ihrer traditionellen Sanghas treffen, wird manchmal gefragt: „Warum braucht ihr eine eigene Gruppe?“ Wir versuchen im Folgenden diese Fragen zu beantworten. 

Beendigung des Leidens

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Eine einfache Antwort ist diese: Wo immer es Leiden gibt, ist dies ein Fall für buddhistische Praxis. Für Buddhist*innen ist es wichtig, die verschiedenen Arten des Leidens zu verstehen. Für die queere Gemeinschaft bedeutet bedeutet dies oft familiäre oder soziale Zurückweisung, Diskriminierung, Unterdrückung, Mobbing und körperliche Angriffe. Obwohl sich die rechtliche Lage in Deutschland verbessert hat, dürfen wir nicht vergessen, dass jahrhundertelange Unterdrückung dazu führt, dass es immer noch soziale Stigmatisierung gibt.

Die rechtliche Situation hat von queeren Meschen hat sich in Deutschland verbessert und speziell Schwule und Lesben besitzen gleiche Rechte. Diese Emanzipation hat aber auch Gegenkräfte auf den Plan gerufen und so hat auf den Straßen die Gewalt gegen schwule Männer zugenommen. Fundamentalistische Christen und Rechtspopulisten haben den Widerstand gegen Emanzipation von queeren Menschen auf ihre Agenda gesetzt. Speziell queere Jugendliche leiden oft immer noch unter Ausgrenzung und Isolation. Die Lebenssituation von queeren Menschen ist auch in Deutschland nicht einheitlich: In der Anonymität der Großstadt unterliegt man nicht der sozialen Kontrolle verglichen mit ländlichen Gegenden, aber in Großstädten gibt es mehr Kriminalität und soziale Brennpunkte, in denen auch Gewalt gegen queere Menschen ausgeübt wird.

Solidarität mit denen, die in Isolation leben

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Maßnahmen zur Reduzierung von Stigmata und der Akzeptanz von Diversität haben eine positive Wirkung auf die gesamte Gesellschaft. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte, dass die Legalisierung von gleichgeschlechtlicher Ehe eine Reduzierung der Selbstmordraten allgemein von jungen Menschen zur Folge hatte und nicht nur derjenigen, die sich als LSBTIQIA+ definieren. Die Selbstmordrate fiel um 14% für LSB-Jugendliche und ebenso für 7% unter allen Teenagern [JAMA Pediatrics, 2017; 171(4): 350-356]. Ein wichtiger Aspekt war, dass junge Menschen in einem schwierigen Umfeld sich weniger isoliert und zurückgewiesen fühlten. 

Heterosexuelle Menschen realisieren oft nicht, dass queere Menschen seit Jahrhunderten auf drei verschiedene Weisen herabgewürdigt wurden. Im Fall der männlichen Homosexualität ist dies historisch am besten dokumentiert: Schwul zu sein war sowohl Sünde, ein Verbrechen und Geisteskrankheit. Dadurch wurde queeres Leben unterdrückt, aus dem öffentlichen Leben entfernt und somit unsichtbar. Sichtbarkeit und Ausdruck von Solidarität sind deswegen sehr wichtig. Genau das ist die Mission von Amnesty International bezüglich Menschenrechten im Allgemeinen. Dies ist ebenso wichtig für Menschenrechte für queere Menschen. Wir meinen, dass Buddhist*innen oft bzgl. queeren Themen schweigen . Das ist in der Regel ein akzeptierendes Schweigen, da die meisten Buddhist*innen nicht über sexuelle und geschlechtliche Diversität urteilen. Es ist aber wichtig für queere Buddhist*innen, sichtbar zu sein. Eine der Kernbotschaften unserer Initiative ist die Botschaft von Unterstützung und Solidarität für Menschen, die in Isolation und Verzweiflung leben: „Du bist nicht allein.“

Eine Willkommensbotschaft

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Für jede gelebte Spiritualität ist ein akzeptierendes Umfeld sehr wichtig. Menschen dürfen nicht das Gefühl haben, sich oder Aspekte ihrer Persönlichkeit verstecken zu müssen. Da das buddhistische Umfeld Diversität auch bzgl. Sexualität und Geschlecht nicht verurteilt, wollen wir Menschen unterstützen sich zu öffnen – auch in ihren Sanghas. Wir wollen nach außen ein klares Signal senden: Es ist OK, schwul, lesbisch, transgender, intersexuell... und Buddhist*in zu sein. Es ist nicht notwendig, zwischen den verschiedenen Teilen des Mensch-Seins zu unterscheiden – man kann einfach beides sein.

Karuna (Mitgefühl in Geist und Tat)

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Nichtdiskriminierung, Gewaltfreiheit und Mitgefühl gehören zum Kern buddhistischer Werte. Queere Buddhist*innen sind unter Buddhist*innen akzeptiert als das, was sie sind. Es bedeutet auch, dass Diskriminierung queerer Menschen niemals im Namen des Buddhismus geschehen kann. 

Kalyana-mittata (spirituelle Freundschaft)

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Buddha sagte zu Ananda: „Freundschaft ist das ganze spirituelle Leben.“ Auch, wenn die uns bekannten buddhistische Gemeinden frei von Diskriminierung sind, halten wir es für wichtig, dass es auch Orte und Zeiten gibt in denen sich queere Buddhist*innen treffen. Oft haben wir Verletzungen erlebt und Erfahrung gemacht, über die es einfacher ist, sich mit Menschen auszutauschen, die dieselben Dinge erlebt haben. Wenn man sich nicht erklären muss, sondern tiefes, auch wortloses Verständnis vorhanden ist. Wir wollen nicht nur über die Identitätskonstruktionen unserer Gesellschaft sprechen, sondern auch über die, die sich in der queeren Gemeinschaft entwickelt haben. Auch hier gibt es Anhaftung an Jugend, Schönheit, Freiheit von Krankheit usw. Auch diese Aspekte wollen wir reflektieren.